Wenn unser Pfarrer nach Weihnachten im Kindergottesdienst, wo bis zu 200 Kinder versammelt waren, von der Flucht der „heiligen Familie“ nach Ägypten erzählte, wusste ich, was Flucht heißt. Nicht, dass ich sie selber erlebt hätte, aber in der Familie wurde immer wieder von der Flucht unserer Gemeinde im Jahre 1944 erzählt, als die Russen uns „befreit“ hatten. Da unser Dorf auf der Hauptstraße lag, auf der bald die „glorreiche Sowjetarmee“ in Richtung Berlin marschieren sollte, das war ihr großes Ziel (gutes Essen, Schnaps, Bier, Wein und Frauen in Überfluss), mussten unsere Dorfbewohner in andere Gemeinden flüchten, die eher im Hinterland angesiedelt waren. Was man auf den Pferde-, Kuh- oder Ochsenwagen aufladen konnte, nahm man mit, anderes wiederum vergrub man an vermeintlich sicheren Orten, unter den Misthaufen etwa oder mauerte „Hab und Gut“ in Kellernischen ein. Leider fand „der Russe“ fast alles und leerte die Laden und die Weinfässer. Nach der Rückkehr fanden die Dorfbewohner verwüstete Häuser vor.
Jahrzehnte später, als Stadtpfarrer von Bistritz/Nordsiebenbürgen, erzählten mir Gemeindeglieder von Ihrer Flucht im September 1944, als die deutsche Wehrmacht von der russischen Armee zurück geschlagen wurde und sie, die Städter mit der Eisenbahn und die Dorfbewohner mit ihrem Pferde-, Kuh- oder Ochsenwagen, westwärts flüchteten. Das meis-te musste man in der Heimat zurücklassen, das Haus mit den Möbeln, den Hof mit den Wirtschaftsgebäuden, die Kirche mit ihren Glocken, die heranreifenden Trauben im Weinberg und die Futterrüben auf dem Feld. In Ungarn wurde man eher geduldet, wenn ein Treck Rast machte… die Tiere mussten sich ausruhen, die Wäsche musste gewaschen und das Essen auf offenem Herd gekocht werden. Die Pfarrer gestalteten Abendandachten und Sonntagsgottesdienste unter freiem Himmel.
In Österreich angekommen, wurde man auch nicht als willkommene Gäste, dazu noch als Luthrische und Proteschtanten, mit Blasmusik und Blumen empfangen. Die in der russ-ischen Zone verbleiben mussten, wurden nach einem Jahr wieder nach Siebenbürgen geschickt, wo sie ihre Häuser und Höfe von rumänischen Bergbauern  und  Zigeunern   besetzt vorfanden, als Landesverräter und Staatenlose galten und zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. In Österreich fanden sie bei katho-lischen Bauern oft menschen-unwürdige Unterkünfte, in Haar- oder Prechtlstuben, in einem Kuhstall etwa oder sogar in einem Schweinestall, wo sie mit den Kindern auf Holzpritschen schliefen (Rotraut Sutter).

Zwei Weihnachtserlebnisse aus dieser Zeit:

„Wir wohnten in einem Vierkanthof in Oberösterreich, wo es vor nicht langer Zeit gebrannt hatte. Notdürftig war in unserem `Salon` das Loch zum Dachboden mit `Pappendeckel und Reißnägeln abgedichtet`. Die Milch gefror auf dem kleinen Kanonen-Ofen. Am Weihnachtsabend schenkte uns der Bauer ein kleines Tannenbäumchen, das wir mit einer einzigen Kerze geschmückt hatten. In diesem Ambiente verging uns die Lust Weihnachtslieder zu singen….Weihnachten 1945 war auch nicht vom Feinsten; von da ab aber ging es nach und nach langsam bergauf. Gott sei Dank!“ (mündliche Erzählung einer Frau).
Die evangelischen Flüchtlinge zogen sich oft vom einheimischen Pfarrgemeindeleben zurück. „So schreckte zum Beispiel der erste Weihnachtsgottesdienst in der Christuskirche in Salzburg nach der Flucht eine siebenbürger-Sächsin, die sich davon sehr viel erwartete, völlig zurück, weil sie ihn als unfeierlich empfand und er sie daher völlig kalt ließ. Sie weinte die ganze Feier über bitterlich und ging in der Folge nur noch ganz selten in die Kirche…man kannte die Gemeindeglieder nicht, der (Bank) Nachbar war fremd, das schnelle Singen war nicht besinnlich, die Predigten waren zu theologisch verstandesbetont. Sie gingen ihnen über die Köpfe hinweg und rührten das Herz nicht an.“ (Rotraut Sutter).
Nach der Einbürgerung der ehemaligen Flüchtlingen aus Siebenbürgen, nach deren Seßhaftwerdung (Arbeitsplätze, Hausbau, Kirchenbau in ihren Siedlungen, Integration der Kinder, Möglichkeit der Fortführung der eigenen Tradition, gute Lebensbedingungen) hat sich die große Heraus-forderung des Staates und der Evangelischen Kirche gelohnt. Aus ehemaligen Flüchtlingen wurden treue Staatsbürger und wertvolle Pfarrgemeindeglieder.
Menschen auf der Flucht, gestern, heute und gewiss auch morgen. Wie könnten wir ihr Schicksal lindern? Wo könnten wir helfen?