By MW

Maria Katharina Moser über die Hoffnung der Passionszeit

Alles hat seine Zeit. Vergangene Woche, am Aschermittwoch, hat eine Zeit der Einkehr, der Trauer und des Verzichts begonnen: die Fastenzeit in der Römisch-katholischen und die Passionszeit in den evangelischen Kirchen. Die Zeit, die auf Ostern hinführt. In der Passionszeit rückt das Leiden Jesu ins Bewusstsein.

Das Kirchenjahr bringt Struktur ins religiöse Leben. Und es sorgt dafür, dass alles, was zum Leben dazu gehört, seinen Platz und die gebührende Aufmerksamkeit bekommt: Geburt und Tod, Freude und Trauer, Fest und Verzicht. Alles hat seine Zeit. Diesen Grundgedanken bringt die Bibel poetisch und gleichwohl realistisch zum Ausdruck: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“

Leben und alles was, dazu gehört, verdichtet in 14 Gegensatzpaaren. Was gerade dran ist, erleben wir individuell. In meine Familie wird ein neues Mitglied geboren, während der Tod einem Freund und seiner Familie einen geliebten Menschen genommen hat. Alles hat seine Zeit. Über die persönliche Situation hinaus schafft das Kirchenjahr Raum für das, was uns als Menschen gemeinsam betrifft, einen Rahmen für gemeinsame Zeiten des Lachens und gemeinsame Zeiten des Weinens.

Corona bringt das durcheinander. Es fühlt sich so an, als hätte die Passionszeit vor Monaten begonnen und nicht vor Tagen. Das Tanzen ist diesen Fasching ausgefallen. Es gehört zu den problematischen Folgen der Coronakrise, dass Zeitstrukturen verloren gehen. Alles wird zu einem gleichförmigen Zeitbrei in den eigenen vier Wänden. Auch wenn das Kirchenjahr unsere Zeit momentan nicht so deutlich erlebbar strukturiert, wie wir es gewohnt sind, eröffnet es doch eine Hoffnungsperspektive: Das Osterlachen folgt auf die Tränen der Passionszeit. Alles hat seine Zeit.