By MW

Michael Chalupka über Verantwortung und Schuld in der Coronakrise

Gestern habe ich eine Einladung der Pfarrgemeinde bekommen, in der mein verstorbener Bruder seine Jugend verbracht hatte. Morgen wird in den Evangelischen Kirchen der Toten gedacht. Es werden mehr Namen verlesen werden als in den vergangenen Jahren, es werden mehr Kerzen angezündet werden als in den vergangenen Jahren. Es stellen sich mehr Fragen als in den vergangenen Jahren. „Hätte er noch gerettet werden können, wenn er schneller im Krankenhaus aufgenommen worden wäre?“ „Könnte sie noch leben, wäre sie geimpft gewesen?“ „Könnten wir mit Opa noch Weihnachten feiern, hätte er sich nicht zu Hause angesteckt?“

Es stellen sich auch die Fragen nach der Schuld. „Waren wir zu unvorsichtig?“ „Waren wir zu leichtgläubig?“ „Haben die verantwortlichen Regierenden die Warnungen aus dem Wind geschlagen, um noch schnell eine Wahl zu schlagen?“ Die Frage nach der Schuld kann quälend sein und Verzweiflung und Wut wachsen lassen.

Die Frage nach der Schuld quält sicher auch die, die Verantwortung getragen haben. Doch nur zögerlich lassen sie uns an ihrem Ringen mit dem eigenen Versagen Anteil haben. Nur vereinzelt sind Worte der Entschuldigung, nicht alles richtig gesehen und nicht immer verantwortlich gehandelt zu haben, zu hören. In den Gottesdiensten zum Totensonntag wird das Vater Unser gebetet werden. Dort heißt es, vergib uns unsere Schuld. Wir alle sind eingeladen, aus tiefstem Herzen mitzubeten.