By MW

Julia Schnizlein über Geben und Nehmen

Heute ist einer der seltenen Tage, an denen das Geben wieder einmal zelebriert wird. Viele Gläubige werden Kürbisse, Äpfel, Kartoffeln, Weintrauben und Brot in die Kirchen tragen, sich über die reich geschmückten Altäre freuen, Gott für seine Schöpfung danken und das Erntedankfest feiern. Es ist einer dieser Momente, in denen man spürt, was schon in der Bibel steht: „Geben ist seliger als nehmen.“

Aber nicht selten ist es nach dem Gottesdienst schnell wieder vorbei mit diesem Glücksgefühl. Missgünstig beobachten manche, wer den schönsten Kürbis oder den saftigsten Apfel mit nach Hause nimmt – ärgerlich, selbst nicht schneller gewesen zu sein. Der Gedanke „nimm, was du kriegen kannst“ gewinnt wieder Oberhand. Nach manchen Erntedank-Umzügen ließ sich schon beobachten, wie gut situierte Bürger die reich geschmückten Umzugswägen regelrecht plünderten, als hätten sie seit Jahren nichts zu essen bekommen.

Nimm, was du kriegen kannst – dieses Motto lässt sich allerorts beobachten. Wenn sich ehemalige Politiker oder Spitzenverdiener nicht zu schade sind, lukrative Lobbyingjobs bei fragwürdigen Unternehmen anzunehmen, selbst wenn sie längst ausgesorgt hätten. Wenn Menschen, die unverhofft große Geldsummen erben, plötzlich knausrig werden, wenn es ums Teilen geht. Wenn Musikliebhaber, die für eine Konzertkarte ohne weiteres 100 Euro ausgeben, plötzlich nur Kleingeld übrig haben, sobald das Konzert auf Spendenbasis stattfindet. Oder wenn junge Leute, die jährliche mehrere tausend Euro in Smartphones investieren, wegen 100 Euro Kirchenbeitrag postwendend aus der Kirche austreten. Die kirchliche Trauung oder die Tauffeier hätten sie dann aber doch gern!

Geiz ist nicht geil – „Geben ist seliger als Nehmen“. Diese geflügelten Worte gehen auf Jesus selbst zurück. Sie beschreiben eine Weisheit, die heute vielfach von Psychologen bestätigt wurde: Wer sich großzügig und großherzig anderen gegenüber gibt, wird dabei glücklich.

Jesus hatte beim Geben nicht unbedingt Geld oder Kürbisse aus eigenem Anbau im Kopf. Geben kann man auch Begabungen – wie handwerkliches Geschick, Geduld, ehrenamtliche Mitarbeit, selbstgestrickte Socken oder einfach Freundlichkeit. Jede und jeder hat etwas zu geben. Auch Sie!

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