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Sauer: “Sprache als ständige Erinnerung, dass Diskriminierung existiert”

Klagenfurt (epdÖ) – Miteinander und Vielfalt waren die Leitmotive eines ökumenischen Festgottesdienstes zum 100 Jahr-Jubiläum der Kärntner Volksabstimmung zum Verbleib bei Österreich. Bei der Feier am Samstag, 10. Oktober, im Klagenfurter Dom legten der römisch-katholische Diözesanbischof Josef Marketz und der evangelische Superintendent Manfred Sauer besonderes Augenmerk auf die Beziehung von slowenisch- und deutschsprachigen Menschen in Österreichs südlichstem Bundesland. So hob Sauer die Vielfalt und Kreativität der Menschen in Kärnten hervor: „Der wunderbare Klang, die unvergleichliche Melodie der beiden prägenden Sprachen unseres Landes, der Zusammenfluss der Kulturen, das Leichte und das Schwere der gemeinsamen Geschichte, das alles erzeugt doch diesen besonderen Duft und das einmalige Licht des Südens.“ In diesem Licht würden nicht nur einzigartige Blumen, sondern auch kreative, schöpferische, einfühlsame Menschen wachsen und gedeihen, sagte Sauer.

Der Superintendent zitierte die britische Bachmann-Preisträgerin von 2016, Sharon Dodua Otoo, für seinen Aufruf dazu, „Sprache als ständige Erinnerung zu begreifen, dass Diskriminierung existiert, dass es nach wir vor viel zu tun gibt, um dagegen aufzustehen“. Beim ökumenischen Gottesdienst werde Dank gesagt für das Gute, das in den vergangenen 100 Jahren in Kärnten im Miteinander der beiden Volksgruppen im Bemühen um Gerechtigkeit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit gewachsen sei. Gleichzeitig gehe es aber auch darum, Gott zu bitten, „dass er uns immer wieder die Augen öffnet für die Versäumnisse, für unselige Entwicklungen und Sackgassen, für das, was noch zu tun ist, damit wir Fehlentwicklungen erkennen und gemeinsam überwinden lernen“.

Marketz: Wunsch nach “neidlosem Miteinander”

In seiner auf Slowenisch und Deutsch gehaltenen Predigt äußerte Bischof Josef Marketz den Wunsch nach einem „neidlosen Miteinander der Volksgruppen, Sprachen, und Kulturen und vor allem der Menschen, die in ihnen zu Hause sind”. Er dankte auch den heutigen Verantwortungsträgern in der Politik für ihre Bemühungen um dieses Miteinander, für die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und für Worte, die – jenseits „blutgetränkter Grenzen“ – in eine vertrauensvolle Zukunft weisen.

Die römisch-katholische Kirche präge das Bemühen um Versöhnung und Gemeinsamkeit in Kärnten bereits seit der Diözesansynode 1972 wesentlich, erinnerte Marketz. Sie habe sich „vom Nebeneinander, das seit den nationalistischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts in Kärnten ein sehr konfliktreiches Zusammenleben geprägt hatte, verabschiedet und sehr bewusst ein Miteinander der Sprachen und Kulturen in einem gemeinsamen Kärnten, das beiden Volksgruppen seit jeher Heimat ist und von beiden gleichermaßen geprägt wird, gesucht“. Die evangelische „Schwesterkirche“ habe diese Vision dankenswerterweise sehr bald geteilt.

Die beiden Volksgruppen in Kärnten hätten einander „durch eine komplexe und schmerzhafte Geschichte viel Leid zugefügt“, sagte Marketz. Sie hätten aber auch „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst miteinander geteilt“. Mit Verweis auf die Lesung betonte der Gurker Bischof, dass Friede „im Herzen ankommen muss und nicht als Strategie verfolgt werden darf, die sich in anderen Umständen wieder ändert.“

Zur Volksabstimmung

Zum historischen Hintergrund: Am 10. Oktober 1920 fand in Folge des Ersten Weltkriegs und des Vertrags von Saint-Germain eine Volksabstimmung im Grenzgebiet Südkärntens statt, wo die slowenischsprachige Volksgruppe ca. 70 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte: 59,04 Prozent aller Stimmen votierten für den Verbleib bei Österreich. Aus dem Ergebnis ging hervor, dass auch ein erheblicher Teil (etwa 40 Prozent) der Kärntner Slowenen für den Verbleib bei Österreich und somit gegen eine Eingliederung in den SHS-Staat, dem späteren Jugoslawien, gestimmt hatte. Bischof Marketz dankte beim Gottesdienst „unseren Vorfahren für die Entwicklung, die sie vor hundert Jahren eingeleitet haben“.

Der Livestream zum ökumenischen Gottesdienst zum Nachsehen:bit.ly/100_Jahre_Volksabstimmung