By MW

Aussichtslose Therapien “unethisch” – “Zeit, Impfskeptiker gewähren zu lassen, ist vorbei”

Wien (epdÖ) –  In der wegen der Coronapandemie angespannten Situation auf den Intensivstationen hat der Wiener evangelische Theologe und Ethiker Ulrich Körtner Kriterien für eine mögliche Triage benannt. Im Fall der Überlastung der Intensivkapazitäten könnte die Entscheidung darüber, wer behandelt wird und wer nicht, anstehen –  wenngleich sie nur das „letzte Mittel der Wahl“ sei, wie Körtner in einem Gastkommentar für science.orf.at schreibt. Diese Entscheidung könne keine Einzelfallentscheidung sein, sondern müsse nach einem transparenten Kriterienkatalog getroffen werden. Körtner nennt vier grundlegende Prinzipien für Priorisierungsentscheidungen:  „1.) Das Prinzip der Gerechtigkeit (Fairness), 2.) das Prinzip der Patientenautonomie – d.h. soweit bekannt, der Patientenwille, 3.) die Menschenwürde, 4.) die Überlebenschancen und die klinische Erfolgsaussicht.“

“Vor-Triage” in Pflegeheimen

Aussichtslose Therapien, die das Leiden Betroffener verlängern und Ressourcen binden, die dann nicht für andere Patientinnen und Patienten eingesetzt werden können, hält Körtner für “unethisch”. Eine Behandlung sei auch dann nicht gerechtfertigt, wenn das Überleben einer Person “an den dauerhaften Aufenthalt auf einer Intensivstation gebunden” sei: “Diese Form der Triage, bei der am Ende möglicherweise doch auch das Alter der Patienten in die Entscheidung einbezogen würde, ist freilich ethisch und rechtlich höchst umstritten, weil das Prinzip der Menschenwürde verbietet, ein Menschenleben gegen ein anderes aufzuwiegen.” Es bestehe ein Verbot der Altersdiskriminierung, das jüngeren Patientinnen und Patienten automatisch den Vorzug vor älteren gebe. Für Pflegeeinrichtungen brauche es aber eine “Vor-Triage”, bei der festzustellen sei, ob die Person “nicht in der Pflegeeinrichtung verbleiben und gegebenenfalls auch dort mit palliativer Begleitung versterben kann”.

Ethikboard muss entscheiden

Die Entscheidung über die Triage müsse jedenfalls “möglichst weit weg vom einzelnen Patienten getroffen werden”, unterstreicht Körtner. Auch sei die Entscheidung nicht von einem Arzt oder einer Ärztin alleine, sondern von einem mehrere Personen umfassenden Ethikboard zu treffen. Dabei hätten sie sich an einem “festgelegten Entscheidungsablauf und an medizinischen Parametern in Form eines Punktesystems” zu orientieren.

Zwar habe Österreich im europäischen eine relativ hohe Zahl an Intensivbetten. Engpässe seien aber dennoch nicht zu vermeiden, da auch bei ausreichender Versorgung mit Betten und Geräten personelle Kapazitäten begrenzt seien. Und das nicht nur im Intensivbereich, sondern auch in anderen Abteilungen, wenn von dort Personal abgezogen werde.

Behandlung darf nicht von Impfstatus abhängig sein

Körtner hebt in seinem Beitrag auch die Notwendigkeit der Corona-Impfung als “Akt der Solidarität” hervor. Eine Pandemie sei keine Privatsache, betont er mit Verweis auf eine Stellungnahme der Bioethikkomission. Hinsichtlich des Schutz der Gesundheit und der öffentlichen Sicherheit gebe es daher gute Argumente für eine Impfpflicht, wie sie jetzt ab Februar vorgesehen ist. Intensivmedizinische Behandlung von einer Impfung abhängig zu machen sei jedoch nicht zulässig: “Ín einem auf dem Solidarprinzip basierenden Gesundheitswesen darf der Impfstatus kein Kriterium für die Triage sein. Das ist jedoch kein Freifahrtschein für Impfskeptiker und Impfgegner. Die Zeit, sie weiter gewähren zu lassen, ist vorbei.”