By MW

Michael Chalupka über die Freiheit der Gedanken

Es kommt vor, dass mächtige Politiker gerne die Kontrolle über das, was im Land geschrieben oder noch besser gedacht wird, haben möchten. Heute nennt man das „message control“. Die Herrschaft über die Köpfe der Menschen erlangen zu wollen, ist aber mitnichten eine neue Erfindung. Die Evangelische Kirche in Österreich verdankte vor 200 Jahren diesem Bedürfnis des damaligen Staatskanzlers Metternich die Gründung ihrer theologischen Lehranstalt. Die Pfarrer sollten nicht mehr an deutschen Fakultäten studieren, denn dort könnten sie mit einem zu revolutionären Geist der bürgerlichen Demokratie infiziert werden. Metternich wollte brave kaisertreue Theologen, die im Land gebildet wurden und nicht zu sehr die Luft der Freiheit witterten.

Doch mit jungen Menschen über die Bibel nachzudenken, in der einer der Kernsätze lautet: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“, und das auch noch in der Tradition des Universitätstheologen Martin Luthers im Dialog mit anderen Wissenschaften zu tun, geht auf Dauer nur, wenn die Gedanken frei sind. So kann dieser Tage die nunmehr Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Wien ihren 200. Geburtstag mit Stolz und Würde begehen. Sie ist der lebendige Beweis, dass die Gedankenfreiheit, die Freiheit der Wissenschaft und die Freiheit des Evangeliums auf Dauer stärker sind als alle Versuche, die Menschen zu kontrollieren und zu steuern.