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Müller-Marienburg: Viele Parallelen von analogem und virtuellem Raum

Kremsmünster/Linz/Regensburg (epdÖ) – Über „Gott und die digitale Revolution“ machen sich Menschen aus Kirchen und Wissenschaft in einer gleichnamigen Publikation Gedanken, die soeben im Verlag Friedrich Pustet erschienen ist. Der Band sammelt die Beiträge der letztjährigen ökumenischen Sommerakademie in Kremsmünster. „Von unterschiedlichen Zugängen und Perspektiven aus reflektieren die Vortragenden aufgrund ihres jeweiligen akademischen, beruflichen, konfessionellen und weltanschaulichen Hintergrundes aktuelle Entwicklungen der Digitalisierung, um die damit verbundenen Hoffnungen, Erwartungen oder Befürchtungen zu bestärken oder zu relativieren“, schreibt Herausgeber Severin Lederhilger, Generalvikar der römisch-katholischen Diözese Linz. Es werde „vor den Gefahren für Einzelne und für die Gesellschaft gewarnt“, „theologische und ethische Ansätze vorgestellt“ und „gefragt, ob und auf welche Weise kirchliche Institutionen auf die Herausforderungen vorbereitet sind, um sich in die laufende Debatte kompetent einbringen zu können.“

Nah an der seelsorgerlichen Praxis legt der niederösterreichische Superintendent Lars Müller-Marienburg seinen Beitrag an. Er ortet in der aktuellen Situation von Pfarrerinnen und Pfarrern mit weitläufig zerstreuten Gemeinden und tausenden Mitgliedern die faktische Unmöglichkeit, alle Menschen zu kennen und mit ihnen in Kontakt zu kommen. Facebook könne – bei aller kritischen Distanz gegenüber dem dahinter stehenden amerikanischen Großkonzern – Pfarrerinnen und Pfarrern dabei helfen, „ansprechbar“ zu bleiben. Konkret sieht Müller-Marienburg wesentliche Parallelen zwischen der Community des sozialen Mediums und der Gemeinschaft einer kleinen Pfarrgemeinde auf dem Land: Das habe damit zu tun, dass auch das soziale Netzwerk „aus dem Menschen Lars und auch sonst aus lauter Menschen besteht, die ebenso sind, wie Menschen sind“. Zugleich müssten Pfarrerinnen entscheiden, wie und was sie von sich der virtuellen Öffentlichkeit preisgeben wollten. Wie im analogen Raum gelte es, „eine Grenze zwischen Privatem und Beruflichem also Öffentlichem“ zu ziehen. Eine Besonderheit des virtuellen Raums sei jedoch die potenzielle Multiplikation von Messages: „Durch die Vernetzung mit anderen Usern, die meine Beiträge ja nicht nur liken, sondern auch teilen können, kann ein Beitrag innerhalb kürzester Zeit buchstäblich um die ganze Welt gehen.“ Damit seien soziale Netzwerke kein Ersatz für „echte menschliche Begegnungen“, sondern „eine Ergänzung, eine Überbrückung für Zeiten oder Situationen, wenn nichts anderes möglich ist“.

Weitere Beiträge stammen vom oberösterreichischen Superintendenten Gerold Lehner, der anthropologische und theologische Beobachtungen zur digitalen Revolution beisteuert, der Nürnberger Theologin Johanna Haberer, die über „Macht und Ohnmacht in der digitalen Gesellschaft“ reflektiert oder Ars-Electronica-Chef Gerfried Stocker, der den Weg von künstlicher zu sozialer Intelligenz beschreibt.

Das Buch Gott und die digitale Revolution ist in der Reihe „Schriften der Katholischen Privatuniversität Linz“ im Verlag Friedrich Pustet erschienen und auch als Kindle-Ausgabe erhältlich.