By MW

Maria Katharina Moser über den Hunger am Lebensende

Heute, am letzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Ewigkeitssonntag, wird in vielen evangelischen Pfarrgemeinden im Gottesdienst der Gemeindemitglieder, die im vergangenen Jahr verstorben sind, gedacht. Auch zum Gedenken an Erikas Vater wird heute eine Kerze entzündet.

Der Vater war hochbetagt, seine Demenz war weit fortgeschritten, aber es ging ganz gut zu Hause. Bis er stürzte. Er kam ins Krankenhaus. Ein Schlaganfall wurde diagnostiziert und rasch war klar: Die letzte Lebensphase hat begonnen. Nach wenigen Tagen im Krankenhaus wollte der Vater nicht mehr essen und trinken. Man müsse eine PEG-Sonde legen und ihn künstlich ernähren, sagten die Ärzte. Vier Wochen später starb er.

„Der Gedanke, dass mein Vater verdursten oder verhungern könnte, hat mich erschreckt“, erzählt Erika. „Jetzt frage ich mich, ob das richtig war. Ob Vater daran gehindert wurde zu gehen.“

Diese Erfahrung teilt Erika mit vielen Angehörigen. Es ist schwer mitanzusehen, wenn Menschen zu essen und zu trinken aufhören. Unsere Intuition sagt uns: Das muss verhindert werden! Menschen zu wenig zu essen oder zu trinken zu geben, ist schwere Vernachlässigung. Doch am Lebensende ist das anders, wie die Palliativmedizin zeigt. Es gibt viele Fälle, in denen die PEG-Sonde wertvolle Dienste erweist und Leben rettet. Aber in der Sterbephase kann der Körper immer weniger Nahrung und Flüssigkeit verarbeiten, es kann zu Unverträglichkeiten kommen, die den Sterbenden belasten. Sterbende haben meist keinen Hunger mehr. Ob ein Sterbender Durst fühlt, hängt nicht ab von der Menge der Flüssigkeit, die er zu sich nimmt, sondern davon, ob die Mundschleimhäute trocken sind oder befeuchtet werden. Der Stoffwechsel verändert sich. Dehydration führt zur Ausschüttung körpereigener Opiate, so macht sich der Körper auf natürliche Weise das Sterben leichter. Künstliche Ernährung ist in vielen Fällen nicht mehr im Sinne des Patienten, der mit der Verweigerung von Nahrung und Flüssigkeit sagt, dass er sterben will.

Zu sehen, wie geliebte Menschen abmagern, ist schmerzhaft. Verunsichert. Besonders wenn Ärzte Sondenernährung empfehlen und von verhungern und verdursten sprechen – was zwar immer weniger Ärzte tun, aber doch immer noch der Fall ist. So wie bei Erika. „Mir hätte die Kraft gefehlt, mit den Ärzten zu diskutieren“, sagt sie, „aber ich hatte auch zu wenig Wissen. Schreib eine Kolumne drüber! Und schreib diesen Satz der Gründerin der Hospizbewegung!“ Gerne komme ich Erikas Wunsch nach und zitiere Cicely Saunders: „Menschen sterben nicht, weil sie nicht essen, sondern sie essen nicht, weil sie sterben.“