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Hennefeld: Versündige mich, wo ich Recht auf Selbstbestimmung abspreche

Wien (epdÖ) – Einen ökumenischen Gottesdienst als „Zeichen der Vielfalt der Schöpfung Gottes“ haben Angehörige christlicher Kirchen anlässlich der bevorstehenden Regenbogenparade am Donnerstag, 13. Juni, in der Wiener Michaelerkirche gefeiert. Der im Rahmen der „EuroPride“ abgehaltene „Pride Prayer“ sei „offen für alle, egal wen sie lieben, welchen Bekenntnisses sie sind oder auch nicht, welchem Geschlecht sie sich zuordnen oder auch nicht“, hieß es von den Veranstaltern, der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Glaube (HUG). Unter den Mitwirkenden waren VertreterInnen der evangelisch-lutherischen, evangelisch-reformierten, methodistischen, römisch-katholischen und altkatholischen Kirche sowie der norwegischen evangelischen Gemeinde.

In seiner Predigt rief der reformierte Landessuperintendent und Vorsitzende des Ökumenischen Rats der Kirchen, Thomas Hennefeld, dazu auf, die Formel „das Verbindende vor das Trennende zu stellen“ nicht als Appell zum „Kuschelkurs“ fehlzuinterpretieren. „Müssen wir auch mit denen so verständnisvoll umgehen, die Menschengruppen gegeneinander hetzen, die schmutzige Witze über Menschengruppen machen, die nicht der Norm entsprechen oder nicht dem, was sie für die Norm halten, auch Menschen mit anderer sexueller Orientierung oder einer unkonventionellen sexuellen Identität, die nicht so leicht einzuordnen ist?“

In Österreich und international immer noch Widerstand gegen Homosexuelle

Hennefelds Analyse des Status Quo fällt auch im Jahr eins nach der Freigabe der standesamtlichen Hochzeit für Homosexuelle ernüchternd aus: Es sei eine „Ironie“, dass „ausgerechnet unter der gefallenen Regierung ein Gesetz zur Ehe für alle beschlossen wurde, nur weil sich glücklicherweise die Regierungsparteien nicht einigen konnten“, spielte der Landessuperintendent auf das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshof aus dem Jahr 2017 an, dass den Weg für die „Ehe für alle“ erst frei gemacht hatte. In Österreich und international gebe es gegen solche Entwicklungen massiven Widerstand; oft würden „Schwule und Lesben abschätzig als minderwertig, fehlgeleitet oder als krank stigmatisiert und beschimpft, in vielen Ländern verfolgt oder mit dem Tod bedroht“.

Auch die Kirchen seien von einer moralisierenden und verurteilenden Grundhaltung gegenüber Homosexuellen nicht ausgenommen: „Oft sehr fromme und bibeltreue Leute verurteilen Homosexualität und erklären sie zur Krankheit. Kein Wunder, dass Schwule und Lesben Kirchen mit so einer Lehre den Rücken kehren.“ Dabei sei nicht das sexuelle Verhalten eines Menschen, solange es in Liebe geschehe und andere Menschen nicht verletze, Sünde, sondern die bevormundende Haltung dem Anderen gegenüber selbst: „Ich versündige mich dort, wo ich anderen Menschen ihr Recht auf selbstbestimmtes Leben grundsätzlich abspreche und ihnen damit auch die Würde nehme.“

„Pride Schabatt“ und Regenbogenparade

Die Kollekte des Pride Prayer ging an das interkonfessionelle Rehabilitationsprogramm Lifegate im Westjordanland, das ChristInnen und MuslimInnen mit geistigen und körperlichen Behinderungen betreut. Im Rahmen der EuroPride von 1. bis 16. Juni finden in Wien weitere religiöse Events statt: Am Freitag, 14. Juni, macht die liberale jüdische Gemeinde Or Chadasch mit dem „Pride Schabatt“ den Auftakt zur Regenbogenparade am Samstag. Dem Marsch schließt sich die interreligiöse Initiative „Religions for Equality“ mit BuddhistInnen, JüdInnen und ChristInnen an, die dazu auch eigene T-Shirts gestaltet hat.

Die jährlich an einem anderen Ort ausgetragene EuroPride versteht sich als „die große gemeinsame Pride-Veranstaltung der europäischen LGBTIQ (Lesbian, Gay, Bi, Transsexual, Intersexual, Queer, Anm. d. Red.) -Community“. Organisiert wurde die diesjährige Ausgabe von 1. bis 16. Juni in der Bundeshauptstadt von der Wiener Homosexuellen Initiative (HOSI) unter dem Motto „together & proud“. Die Regenbogenparade auf der Wiener Ringstraße findet am 15. Juni zum 24. Mal statt.