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Danz: Zum “Mythos” stilisiert – Schweighofer: Schwere Folgen für Österreich

Wien (epdÖ) – Die theologische Identität der evangelischen Kirche hängt maßgeblich an der Erinnerung an den Auftritt Martin Luthers vor dem Reichstag in Worms vor 500 Jahren: Das hat der an der Evangelisch-theologischen Fakultät in Wien lehrende Theologe Christian Danz in einem Beitrag für den Theologie-Podcast „Diesseits von Eden“ betont. Die Kirchenhistorikerin Astrid Schweighofer, Stipendiatin an der Akademie der Wissenschaften und Lehrende an der Universität Wien und der Kirchlichen pädagogischen Hochschule Wien/Krems, unterstreicht darin zudem die Bedeutung des Wormser Edikts für die Reformation in Österreich.

Die Erinnerung an den Reichstag von Worms und Luthers dortigen Auftritt am 17. und 18. April 1521 sei inzwischen zu einem „Mythos“ stilisiert worden, so Danz. Zugleich aber hänge an diesem Mythos, der „fest in die protestantische Erinnerungskultur eingeschrieben“ sei, auch „die protestantische Identität“: Denn Worms stehe für die im Protestantismus zentrale Gewissensfreiheit und Freiheit des Individuums überhaupt.

Gewissensfreiheit damals anders verstanden

Aus heutiger Sicht sei es wichtig, die Erinnerungskultur auch innerprotestantisch kritisch zu reflektieren, sagt Danz: Das Bild des kleinen Mönchs, der gegen Papst und Kaiser rebelliere, sei mythologisch überladen; außerdem bedeute theologisch heute die Rede von Gewissensfreiheit etwas ganz anderes als in der Zeit Luthers: „Diese Urszene der Gewissensbildung hat eigentlich erst so richtig Karriere gemacht in der Aufklärung. Die Aufklärung hat sich eben genau zwei Jahrhunderte später auf dieses Motiv berufen; aber eben vor ganz anderen Hintergründen, als das bei Luther der Fall ist“. Bei Luther selbst sei nämlich das Gewissen „an die Schrift gebunden. Das heißt, das Gewissen ist gar keine Wahrheitsinstanz, sondern die Bibel eine quasi-objektiv vorgegebene Wahrheitsgrundlage.“

Spätestens mit dem Reichstag von Worms, so Danz, sei „der Zug abgefahren“ gewesen in Richtung Kirchenspaltung. Für die Ökumene sieht der evangelische Theologie die Aufgabe darin, durch die Entmythologisierung der Erinnerung auch in seiner eigenen Konfession dazu beizutragen, dass sich die christlichen Kirchen vorbehaltlos als gleichrangig anerkennen. Dies freilich, ohne die in Worms sichtbar gewordenen „Kernpunkte des Protestantismus“ preiszugeben: die Bedeutung der Freiheit des Individuums.

Schweighofer: Caspar Tauber “erster Blutzeuge der Reformation in Österreich”

Die unmittelbaren historischen Folgen des Wormser Reichstags für Österreich hebt die Kirchenhistorikerin Astrid Schweighofer hervor. Im Regensburger Reformkonvent etwa sei festgelegt worden, dass das Wormser Edikt, das die Lektüre der lutherischen Schriften verbot, streng durchgesetzt werde. Das habe in Österreich dazu geführt, dass der Tuchhändler Caspar Tauber noch im selben Jahr hingerichtet wurde, da sich die Reformation in den habsburgischen Landen schon stark verbreitet hatte: “Da gibt es die Berichte, wie er vor dem Stephansdom kniet. Er gilt als erster Blutzeuge der Reformation in Österreich.” Ähnliche Schicksale erlitten Leonhard Kaiser 1527 in Schärding oder Balthasar Hubmaier 1528 in Wien.

Am 17. April 1521 war der Reformator in Worms vor Kaiser Karl V. getreten – in der Hoffnung, über seine Lehre und Theologie debattieren zu können. Ihm wurde jedoch nur die Frage gestellt, ob er seine Lehre widerrufen wolle. Dies lehnte Luther nach einem Tag Bedenkzeit mit den berühmt gewordenen Worten ab: „Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir. Amen.“ In weiterer Folge wurde im Mai 1521 mit dem „Wormser Edikt“ die Reichsacht über Luther ausgesprochen. Eine Rekonstruktion der historischen Ereignisse stelte unlängst der Militärsuperintendent und Historiker Karl-Reinhart Trauner an.

Die Folge des Podcast der Theologischen Fakultäten in Österreich ist unter diesseits.theopodcast.at abrufbar.