By MW

Belastung für Fachkräfte in letzten 20 Jahren verdoppelt

Wien (epdÖ) – Die Belastung von Menschen, die in der Betreuung benachteiligter Kinder tätig sind, hat sich in den letzten 20 Jahren nahezu verdoppelt. Das ist das Ergebnis einer großangelegten Studie, die das Kompetenzzentrum für Nonprofit-Organisationen und Social Entrepreneurship der Wirtschaftsuniversität Wien im Auftrag mehrerer NGOs, darunter der Diakonie Österreich, erstellt hat. Insbesondere gesellschaftliche Trends wie die Vernetzung durch digitale Medien, der gestiegene Druck in der Arbeitswelt oder heterogene Familienstrukturen beeinflussten die Betreuungssituation negativ, beschreibt Studienleiter Christian Schober die Problemlage. In allen Bereichen brauche es mehr Zeitressourcen, um „Druck aus dem System zu nehmen“. Am Donnerstag, 16. Jänner, wurden die Resultate der Studie von Schober, Koautorin Julia Wögerbauer und Vertreterinnen und Vertretern von NGOs in Wien präsentiert.

Den größten Einfluss auf die aktuelle Belastungssituation der Fachkräfte haben der Studie zu Folge die „Herkunfts- und HelferInnensysteme“ der Kinder und Jugendlichen. Damit sind zum einen familiäre Strukturen, zum anderen die darüber hinaus in die Betreuung der Kinder involvierten Personen gemeint. Wesentlichen Einfluss auf die Belastung der Fachkräfte haben hier etwa komplexe Familiensysteme, fehlende soziale Ressourcen oder Suchterkrankungen der Eltern. „Dies führt unter anderem zu einem stark erhöhten Aufwand im Bereich der inhaltlichen Elternarbeit und in der Kommunikation mit den Herkunftssystemen“, lautet ein Fazit der Studie. Mit Blick auf das HelferInnensystem sei die Vernetzungs- und Kommunikationsarbeit der Fachkräfte fordernder geworden, unter anderem angesichts bürokratischer Hürden – Stichwort Datenschutz.

Mangel an Zeit in allen Bereichen

Am stärksten angestiegen sei in den vergangenen 20 Jahren die Belastung durch „externe Rahmenbedingungen“, so die Studienautoren. Beklagt würden hier insbesondere der Mangel an Zeit für die direkte Betreuung oder überhaupt fehlende Betreuungsangebote. Mit technologischen Entwicklungen sowie der Gesundheit und den Fähigkeiten der Kinder wurden zwei weitere Einflussfaktoren auf die Betreuungskomplexität untersucht. So seien die Kinder durch die Einbindung in „neue digitale Welten“ Einflüssen ausgesetzt, die früher in Therapie und Betreuung kaum eine Rolle spielten: „Die Fachkräfte müssen hier anschlussfähig bleiben, was, angesichts der raschen technologischen Entwicklungen, eine zeitliche und inhaltliche Herausforderung darstellt“, so die Studie.

Schenk: „Wo Belastungen steigen, muss man entlasten“

Schritte, mit denen der Druck von Menschen in der Betreuung von betroffenen Kindern und Jugendlichen genommen werden könne, skizzierte Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk: „Das Wichtigste ist: Wo Belastungen steigen, muss man entlasten.“ Dazu brauche es mehr Zeit mit den Kindern, und einen Abbau von Bürokratie. Zudem hält Schenk mehr Ressourcen rund um die Schule in Form von Schulassistenz, Sozialarbeit oder Elternarbeit für angeraten. Auch sollten Gemeinschaften und Communities aktiviert werden, etwa für Begleitdienste. Darüber hinaus seien zusätzliche Therapieplätze für Kinder und Jugendliche zu schaffen, um die aktuelle „Therapielücke“ zu schließen.

Langfristig gehe es darum, Existenzchancen und Teilhabe zu sichern. Mit Blick auf das Regierungsprogramm von Türkis-Grün forderte Schenk daher eine „Sanierung“ der Mindestsicherung die „jetzt auf die lange Bank geschoben worden sei“. Schenk erneuerte die Forderung der Diakonie nach einer „Präventionskette“ für eine bessere Betreuung, Förderung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, die schon mit der Schwangerschaft ansetze und junge Menschen über verschiedene Lebensphasen hinweg bis ins Alter von 24 Jahren begleite.

Im Auftrag gegeben hatten die Studie Caritas Wien, Diakonie Österreich, SOS Kinderdorf, die Betreuungsorganisation VKKJ und das Vorarlberger Kinderdorf. Die ausführlichen Ergebnisse der Studie finden sich unter: https://short.wu.ac.at/ebkstudie