Predigt über Zachäus

von Jürgen Gerrmann im Gottesdienst am 6.9. in der evang. Kirche Reutte

Der Maulbeerbaum (Morus) unterscheidet sich vom Maulbeerfeigenbaum (Ficus Sycomorus) durch seine Frucht, seine Klimaempfindlichkeit, seinen herkömmlicher Standort, seine Nutzung und…

Halt! Halt! Keine Angst! Ihr habt Euch nicht in eine botanische Vorlesung verirrt!

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Hören wir also jetzt erstmal den Apostel Lukas. Und das, was er zu Beginn des 19. Kapitels seines Evangeliums schreibt:

Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.“

Der Maulbeerfeigenbaum war tatsächlich das erste, das mir ins Auge sprang, als ich diesen Text durchgelesen habe. Warum geht Lukas hier so ins Detail? Einfach von einem Baum zu schreiben, hätte hier ja auch gereicht, oder?

Eben nicht. Denn: Was den Maulbeerfeigenbaum ganz wesentlich von seinem Fast-Namensvetter unterscheidet, ist: seine Größe.

Bis zu 20 Meter wird er hoch. Also in etwa so hoch, wie unser Kirchturm! Und viel höher als die Wohnhäuser im alten Jericho, die normalerweise höchstens zweistöckig waren. Da musste er also ganz schön klettern, unser Zachäus.

„Er war klein von Gestalt“, wird der gute Mann beschrieben.

Ja, da hat man es schon schwer. Da geht man leicht unter. Zumal damals in Jericho eine Stimmung geherrscht haben muss wie bei den frühen Beatles- oder Rolling Stones Konzerten der 1960er-Jahre, als die Fans die Säle stürmten. Oder anscheinend auch heute noch, wenn sich das Zelt beim Lions-Flohmarkt in Reutte öffnet. Jeder will den besten Platz haben.

Zachäus geht da lieber auf Nummer sicher: Da droben auf dem Maulbeerfeigenbaum, da behält man den Überblick, da versperrt einem keiner die Sicht. Da oben hält man sich raus aus dem Getümmel. Angenehmer Nebeneffekt: Man kommt „au in Nix nei“, wie der Schwabe zu sagen pflegt.

Wenn’s schief geht, kann man da immer sagen: „Eigentlich war ich ja gar nicht dabei.“ Und man kann im Fall des Falles das Geschehen aus sicherer Distanz kommentieren wie die Rentner in der Loge in der Muppets-Show.

Aber eins muss man dem Zachäus lassen: Er war ernsthaft an Jesus interessiert. Sonst wäre er ja nicht so schnell voraus gerannt, um sich den Logenplatz zu sichern. Und optimal zu sehen, „wer er wäre“.

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Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren!“

Ich habe mir die verschiedensten Übersetzungen dieser Passage angeschaut. Sie unterscheiden sich nur am Schluss: Da heißt es mal „bei Dir zu Gast sein“ oder „bei Dir bleiben“. Ein einziges Mal heißt es „soll“. Aber nie „will“.

Da gibt es kein Vertun, das muss so sein. Denn Jesus ist ebenfalls ernsthaft an Zachäus interessiert. Er braucht ihn. Nicht irgendwann. Sondern jetzt sofort. Es ist eilig. Die Sache duldet keinen Aufschub. Es muss sein.

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Und Zachäus stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“

Auch der Gerufene will keine Zeit verlieren. Er zögert keine Sekunde.

Der Gottes-Funke ist sofort übergesprungen.

Und der kennt kein Wenn und Aber. Kein „Schau mr mal“, kein „Ist das denn nicht zu riskant?“, kein „Warum gerade ich?“, kein „Was hab ich denn davon?“ Kein „Na, wenn’s denn unbedingt sein muss, dann mach ich das halt….“

Sondern pure Freude.

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Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“ 

Ja, sie dürfen natürlich nicht fehlen in dieser und auch in unserer Geschichte: die Murrer und die Besserwisser, die Moralapostel, die Verurteiler und die Selbst-Verurteiler.

Denn klein muss sich ja nicht nur auf die Gestalt beziehen. Wer hat noch nie gedacht, bewusst klein gehalten werden zu sollen? Wer hat sich noch nie selbst klein gemacht? Oder wen hat noch nie ein schlechtes Gewissen geplagt?

Ganz ehrlich: Vor zehn Jahren wäre ich in meiner evangelischen Stadtkirchengemeinde Nürtingen nie und nimmer hier vorne gestanden und hätte auch nur eine Lesung gehalten, geschweige denn auf einer Kanzel meine Gedanken geteilt, obwohl sie mir Heimat war wie wohl sonst nichts anderes und ich mich geborgen gefühlt habe.

Davor stand gewissermaßen der Engel mit dem Flammenschwert und hat mich an meine weder fehler- noch sündenfreie Lebensgeschichte erinnert.

Zudem: Ich bin ja viel zu klein, und ich habe ja niemand was zu sagen. Auf mich kommt es nicht an.

Also bin ich auf meinem Baum sitzengeblieben. War ja auch nicht unbequem.

Erst als ich hierher nach Reutte gezogen bin, habe ich mich dem geöffnet, was mir Mathias sinngemäß zugerufen hat: „Steig eilend herunter! Du wirst hier gebraucht!“

Eine Ironie der Zachäus-Geschichte ist übrigens die: Die Übersetzung des hebräischen Namens dieses „Oberen der Zöllner“ (also nach damaligem Verständnis eines Mega-Sünders) ins Deutsche lautet übrigens – der Reine oder der Unschuldige!

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Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz werde ich den Armen geben, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. „

Ja, wenn man Jesus in das Haus seines Lebens hereinlässt, hat dies Konsequenzen.

Zachäus zieht sie ohne Vorbedingungen. Er sagt nicht: „Wenn Du mich annimmst, dann werde ich…“

Und umgekehrt sagt Jesus auch nicht: „Wenn Du die Hälfte Deines Besitzes den Armen gibst, dann werde ich mich Dir zuwenden.“

Es gibt kein Wenn und Aber. Auf beiden Seiten.

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Angesichts dessen kommt mir unweigerlich eines meiner Lieblingszitate Martin Luthers in den Sinn: „Gute fromme Werke machen nimmermehr einen guten frommen Mann, sondern ein guter frommer Mann tut gute fromme Werke“, heißt es in der „Freiheit eines Christenmenschen“.

„Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“: Dieses Abendgebet, so gut und schön es gemeint war, hat bei mir über die Kindheit hinaus ein ungutes Gefühl ausgelöst.

Im Unterbewusstsein habe ich wohl dieses verhängnisvolle „Wenn – dann“ gespürt – und dies hat den hartnäckigen Reflex „Das schaff ich ja sowieso nicht, dazu bin ich viel zu klein und unbedeutend“ ausgelöst.

Erst später bin ich auf die Idee gekommen: Eigentlich muss uns Gott ja gar nicht fromm machen – er kann es vielleicht gar nicht. Das ist schon unsere ureigene Angelegenheit.

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Wobei wir uns mit der heutigen Bedeutung des Wortes „fromm“ die Messlatte aus meiner Sicht viel zu hoch legen.

Ich glaube nämlich nicht, dass Martin Luther, als er die vorhin zitierten (und andere) Sätze zur Frömmigkeit niederschrieb, an Bigotterie und hundertprozentige Sündenfreiheit gedacht hat.

Im zu Ende gehenden Mittelalter war ein „vrumer Ritter“ keiner, der pausenlos in seiner unbequemen Rüstung auf den Knien lag, um zu beten. Sondern vielmehr einer, der tapfer war und auf den man sich verlassen konnte, der anpackte und tat, was zu tun war.

Ein „vrumer Knecht“ war fleißig, tüchtig und treu. Fromm sein hieß: tauglich sein für das Leben. Es war ein Wort der Tat, nicht des Rückzugs und der Kontemplation.

Und so betrachtet hat das Wort für mich sein Abschreckungspotential verloren. Und ist vielmehr eine Ermunterung.

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Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ 

Der letzte Satz dieser Geschichte war und ist für mich ein regelrechter Wachrüttler:

Nicht nur wir Menschen sind Gottsucher, auch wenn wir immer mal zweifeln oder gar ver-zweifeln.

Sondern Gott ist auch ein Menschensucher. Und er schaut nicht nach den Perfekten, die ohne Fehl und Tadel sind – sondern nach denen, die verloren sind. Vermutlich, weil sie sich (oder wir uns) selbst verloren haben.

Er übersieht keinen – und säße der oder die auf einem noch so hohen Maulbeerfeigenbaum.

Denn die Zachäus-Geschichte zeigt: Gott braucht uns – und er kann uns brauchen.

Nicht in der Muppet-Show, sondern als „Mitarbeiter für das Königreich Gottes“, wie Paulus schreibt.

Deshalb sagt Jesus ja auch: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt!“

Seid. Nicht: „Möglicherweise könntet Ihr das ja irgendwie irgendwann mal werden!“

Und dies „Ihr“ besteht aus lauter einzelnen „Dus“. Auch Du und Du und Du seid gemeint…

So klein wir auch sein oder uns fühlen mögen:

Tagtäglich sucht er uns und ruft zu uns:

„Steig eilend herunter von Deinem Baum (oder von Deinem Sofa) – denn ich muss heute im Haus Deines Lebens einkehren!

Und in Dein Herz.

Und Deine Seele.“

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„Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, sill und leise. Und ist er noch so klein, zieht er doch weite Kreise….“ (Lied)