Zum Lesen

Haben oder Sein von Kuratorin Brigitte Moritz (2024_02)

– Artikel für Christen unterwegs –

Als Erich Fromm sein Buch „Haben oder Sein“ im Jahr 1976 veröffentlicht hat, waren die Zeiten anders. Das Buch war damals ein hilfreiches Mittel über sein Leben nachzudenken. Es bot Orientierung für die Zukunft. Wenn ich heute das Buch in die Hand nehme, dann merke ich, dass es immer noch aktuell, ja vielleicht sogar brisanter als damals ist. Auch heute hinterfragen die beiden Begriffe Haben und Sein unser Leben. Auch das Christsein betrifft Aspekte, die unter diesen beiden Richtungen gesehen werden können.

Da ist das Haben. Gemeint ist damit die Organisation Kirche mit ihren Gesetzen, mit der ganzen Verwaltung, dem Finanzapparat, den weltlichen Strukturen. Eben all die Themen, an denen wir uns reiben und immer wieder ärgern. Oft sind diese Inhalte das Thema unserer Kritik. Dieses Missfallen führt dann eben auch manchmal zum Kirchenaustritt.

Das Sein ist unser Glaube an Gott, an Jesus und den Heiligen Geist. Das Sein ist unsere geistige Haltung zu unserem Glauben. Wie nehmen wir die Worte und Geschichten der Bibel auf. Welche Verantwortung haben wir in der Umsetzung der Texte. Gestalten wir unser Leben in Sinn der Nächstenliebe und den zehn Geboten. Vertrauen wir den Worten der Bergpredigt. Wie wird unser Christsein erkennbar.

Ein kritisches Hinterfragen der kirchlichen Organisation ist gerechtfertigt. Wie bei allen Organisationen muss man immer wieder Sinnhaftigkeit und Berechtigung hinterfragen. Insbesondere wenn Skandale und Misswirtschaft auftreten. Immer wieder werden Machtpositionen missbraucht. Statt transparenter Aufarbeitung wird verschleppt oder verschleiert. Das alles sind Dinge, die verärgern. Sie bringen einen dazu, sich von der Organisation Kirche zu distanzieren oder zu trennen.

Nun ist mir aber ganz wichtig, dass man wirklich unterscheidet zwischen Kirche und Glauben, oder wie Erich Fromm es ausdrückt, zwischen Haben und Sein. Also nicht nur über die Kirche schimpfen, sondern auch den Sinn unseres Glaubens sehen. Die Aufmerksamkeit auf die Beziehung mit Gott lenken und fragen, wann hat mich Gott geärgert oder enttäuscht. Ist mein Glaube so sinn- und kraftlos, dass ich mich davon distanzieren will. Wenn wir unsere Wahrnehmung in diese Richtung lenken, dann erhalten wir hoffentlich ein ganz anderes Bild von Kirche.

Es ist gut sich immer wieder diese Unterscheidung zwischen Kirche und Glauben bewusst zu machen und dann erst zu handeln. Die Zeiten heute sind schwierig. Werte verrutschen, die Frage nach Sinnhaftigkeit wird übergangen, Lügen werden als Wahrheit verkauft. Bleiben Sie ihrer Kirche und ihrem Glauben treu. Hier findet sich noch Orientierung zwischen Haben und Sein.

Brigitte Moritz, Kuratorin

Gedanken zur Ökumene von Pfarrer Michael Jäger (2024_01)

Ich mag die Gebetswoche zur Einheit der Christen, jedes Jahr, Mitte/Ende Januar. Das Zusammentreffen mit den Geschwistern – ein Vergnügen. Man muss ja nicht alles mit ihnen gemeinsam machen. Aber ab und zu, da ist es dann gleichermaßen das natürlichste von der Welt und etwas ganz Besonderes.

Wie mit meinem Bruder. Wen der zu Besuch kommt – wir handhaben das immer so rum, da er seit Jahrzehnten in Soest wohnt und ich bislang immer nach unserem gemeinsamen Verständnis die attraktiveren Wohnorte hatte und habe – ist es wie ein kleines Fest.

Das Fest der Ökumene 2024 feiern wir in Reutte also am 19. Januar, um 19 Uhr in St. Anna. Ich bin gespannt, wer kommt. Noch ist auch nicht geklärt, wie viele Veranstalter wir sein werden. Katholisches Dekanat Breitenwang und Evangelische Pfarrgemeinde Reutte sind schon mal am Start. Das steht fest, wie auch das diesjährige Motto:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27)

Es ist ja ein Dreieck. Die Liebe zu Gott, zum Nächsten und auch zu sich selbst. Gut, wenn es ein halbwegs gleichschenkeliges Dreieck ist. Nicht eine Pyramide, oder passender zur Zeit, ein Tannenbaum. Eine Spitze ganz oben und alles andere ist untergeordnet.

Ich glaube, nur in diesem Dreiklang klingt die Liebe richtig gut. Wenn man nur an andere denkt, und nicht auch an sich selbst und Gott, kann man leicht an Grenzen kommen, oder gar ausbrennen. Richtet man sich ganz auf Gott aus, auf den Gott, wie man ihn so zu erkennen meint, und verliert den liebevollen Blick auf die Nächsten und sich selbst, ist der Fanatismus nicht mehr weit – und den sehe ich wiederum ganz weit weg von dem Gott, wie ich ihn in der Bibel finde. Und über Menschen, die ihr eigenes Ich ganz oben anstellen, brauche ich wohl nicht extra zu schreiben. Sie sind rasch einsam da oben.

Also, es wird sich sicher lohnen, sich gemeinsam ins christliche Gleichgewicht bringen zu lassen. Am 19. Januar die Andersartigkeit der Geschwister erleben und sich zugleich mit ihnen verbunden wissen, als Kinder des einen Gottes, der sich selbst in einer Nacht – wir nennen sie die Heilige Nacht und feiern sie hier immer am 24.12. – entschieden hat, die Welt zu lieben.

Advent heißt Abschied von Pfarrer Michael Jäger (2023_12)

Nein,

Advent meint Ankunft, so heißt es doch.

„Gott kommt an.“

Doch es gibt keine Ankunft ohne Abschied.

Das Kirchenjahr kleidet den Advent Lila.

Einkehren, umkehren, anders werden.

Zeit, ein wenig in mir wieder Ordnung zu machen.

Ein wunder Punkt.

Sowieso, aber aktuell bei mir noch mehr als sonst.

Denn von Ordnung machen, habe ich in diesem Jahr genug.

Bis alles in Reutte halbwegs wieder seine Ordnung hatte …

Ordnung in den Arbeitsablauf bringen.

So viel Neues.

Dann noch in Österreich

Umzugskisten waren nützlich.

Aber auch der Recyclinghof und die Kleinanzeigen.

Sachen, Aufgaben und auch Menschen zurück lassen.

Sie hatten ihre Zeit.

Jetzt ist Neues dran.

„Gott kommt an.“

Das macht was.

Das stellt alles auf den Kopf.

Das ist mehr als Umzug und neues Autokennzeichen.

Gott wird Mensch.

Will uns ganz nahe sein.

In uns Wohnung nehmen.

Wer hätte sich so etwas ausdenken können,

als Gott allein.

Deshalb beherzt Abschied nehmen.

Advent heißt Abschied.

Gewohnheiten, Trägheiten, Gedankenlosigkeiten …

hinter sich lassen, entsorgen.

In sich Platz machen.

Frei haben für das Neue.

Damit Gott Raum hat in mir.

Und meine Seele ankommt in Gott.

Einen gesegneten Advent

Pfarrer Michael Jäger