Manuel Riess – ein Nachruf von Leopold Miedl

Leopold Miedl
Dipl.-Ing. Manuel Riess
Dipl.-Ing. Manuel Riess war eigentlich nur kurz bei der RHI AG …
2003 dürfte er zur RHI gekommen sein – eingestellt vom Verkaufsleiter Dr. Dieter Siegel …
Für LISCO, Libyan Iron & Steel Co., Werk Misurata – ein (das) Stahlwerk in Libyen …
LISCO und das Werk Misurata waren ein Vorzeige-Projekt von Staatspräsident
Muammar al-Gaddafi …
„Einweihung“ und Inbetriebnahme im September 1989
3 Direktreduktions-Anlagen
2 E-Ofen-Linien zu je 3 EAF
2 Walzwerks-Linien
Jahresproduktion 650.000 t Brammen (für Bleche) und 1,07 Mio t Knüppel (für Langprodukte
inkl. Schienen) – über Strangguss-Anlagen vergossen …
Gaddafi`s Ziel: Die Stahlversorgung für Nordafrika, den Nahen Osten u. den Mittelmeer-Raum
Groß war unser beider Freude, als wir einander bei einer seiner Besprechungen in der Konzern-
zentrale in Wien trafen – ich, ein vertrautes Gesicht für Manuel …
Mit seiner Erfahrung im Projekt-Management und in der Inbetriebnahme von Stahlwerken
bzw. Stahlwerks-Bereichen brachte Manuel in dieser Zeit Ruhe in die eher chaotische
Organisation im Werk – und Sicherheit in die Beschaffung der notwendige Feuerfest-Materialien.
Das Stahlwerk Misurata, die längste Zeit ein Feuerfest-Desaster, entwickelte sich unter Manuel fast
zu einem Selbstläufer …
Seine ruhige, gelassene Art schaffte immenses Vertrauen bei den libyschen Kunden – und der
Vertrag wurde wiederholt verlängert …
Mit seinem diplomatischen Gespür und Talent gelang es Manuel Widersprüche und Gegensätze –
auf Grund der ausländischen Herkunft der Arbeiter und der Techniker im Stahlwerk und im Camp,
deren unterschiedlicher Nationalität, aber auch den rassistischen Ressentiments – und all die
anderen Schwierigkeiten und Hindernisse im Betrieb zu überwinden …
Viele unserer Kollegen, die vor Ort ihre Feuerfest-Mission zu erfüllen hatten, wussten seine
Unterstützung zu schätzen – er war sozusagen der „Gute Geist“ vor Ort …
Seine Kollegen in Wien und vor Ort waren Erwin Jankovits, Dietmar Jammernegg, Hassan Malek,
Willi Kumer, Peter Gratzl, Manfred Schindelka, …
Manuel war ein exzellenter Koch – die Leute im Camp wussten seine Küche, vor allem seine
Grill-Künste, seine T-Bone Steaks (1 kg pro Person), bei denen er zur Hochform auflief, zu
schätzen …
Im Camp entwickelte Manuel eine Leidenschaft für Katzen, um die er sich liebevoll kümmerte …
„Seine Flat“ im Camp teilte er sich im Minimum mit 5 Katzen …
Manuels Job in Libyen nahm ein überraschendes Ende – als der „Arabische Frühling“ in Libyen
Einzug hielt (ca. 2011) – eigentlich war Bürgerkrieg …
Nach einigen „spannenden Tagen“ wurde er gemeinsam mit Kollegen Peter Gratzl und Kollegen
der Firma DANIELI von der italienischen Marine evakuiert …
Bald nach seiner Rückkehr nach Österreich ging Manuel in Pension …
Am Ende seiner Tage gelang es mir (als Betriebsrat) noch, eine angemessene Abfertigung für ihn
auszuverhandeln – sein Dank war mehr als überschwänglich, fehlten ihm doch die Versicherungs-
jahre in Südafrika …
Wer war Manuel Riess?
Manuel war sicher nicht sehr vielen Kolleginnen und Kollegen vertraut und bekannt …
Verbrachte er doch seine RHI-Zeit zur Gänze als Projektleiter im Stahlwerk in Libyen …
Geboren und aufgewachsen in Seefeld und in Reutte in Tirol …
Seine Mutter, Erna, geboren und aufgewachsen (mit 3 Schwestern und 4 Brüdern) in der
damaligen DDR, hatte den Vater von Manuel während des zweiten Weltkriegs in der
Deutschen Armee in Norwegen kennengelernt – sie war dort Funkerin …
Nach dem Krieg zogen die beiden sofort nach Tirol …
Leider ging nach kurzer Zeit die Partnerschaft in die Brüche und Manuel wuchs ohne Vater auf …
Seine Mutter erzog „ihren Buben“ sehr streng – es war ihr ein großes Bedürfnis, dass Manuel
eine sehr gute Schul- und Berufsausbildung bekam …
Alle Verwandten und Cousins von Manuel lebten in Chemnitz, in der DDR …
So sah man einander nur sehr selten …
Die DDR-Bürger durften damals nur alle 10 Jahre ausreisen …
So fuhr seine Mutter des Öfteren mit Manuel nach Chemnitz – zur Freude seiner Cousinen und
Cousins …
Nach der Wende traf man dann einander öfter …
Die „Ostler“ setzten sich in den „Trabi“ und fuhren im voll besetzten Auto zur Erna-Tante und
zu Manuel nach Tirol …
Manuel war „Ihr Österreicher“ und wurde von allen geliebt und geschätzt …
Manuel besuchte die Mittelschule, schloss diese mit sehr gutem Erfolg ab und inskribierte an der
Montanistischen Hochschule in Leoben – heute Montanuniversität Leoben – Eisenhüttenwesen …
Damals lernte ich Manuel kennen – wir wohnten im selben Studentenheim …
Obwohl evangelisch trat Manuel der Katholischen Studentenverbindung Kristall im ÖCV bei …
Nach einer relativ kurzen Studienzeit startete Manuel – wie viele andere Kommilitonen damals – in
Südafrika im Stahlwerk Vanderbijlpark ins Berufsleben …
Dort traf er viele ehemalige Studienkollegen – unter anderem …
Dipl.-Ing. Hans Holzmann, später beim Anlagenbau in Linz – am Heimflug aus Russland kurz vor
Weihnachten bei einem Flugzeug-Absturz in Berlin ums Leben gekommen …
Dipl.-Ing. Josse Bachmayer – später E-Ofen-Experte bei der RHI AG …
Und Ing. Josef Heiss – später Betriebs-Ingenieur im LD III in Linz …
Die Rückkehr nach Österreich kam Manuel – wie den anderen Österreichern auch – teuer zu stehen.
Mussten sie doch fast alles, was sie sich dort geschaffen hatten, zurück lassen …
Devisen (südafrikanische Rand) durften ja nicht ausgeführt werden …
Auch Pensionsleistungen bzw. -zusagen aus dieser Zeit gab es keine …
Nach seiner Rückkehr nach Österreich leitete er für den Industrieanlagenbau der Voest, heute
Primetals Techn. Ltd., Stahlwerks-Projekte und Inbetriebnahmen in Indien, China und Japan –
bevor er zur RHI kam …
Manuel war ein exzellenter Metallurge – Schmelzdiagramme waren sichtlich sein Hobby –
Die strategische Planung und Organisation von Produktionsabläufen war eher seinem Talent
geschuldet …
Seine analytische Herangehensweise und die kompetente Nutzung der aufstrebenden
elektronischen Datenverarbeitung – auch eines seiner Spezial-Hobbies – kamen ihm beim
Anfahren von neu in Betrieb zu nehmenden Anlagen und der Beschaffung der Betriebsmittel
sehr zugute …
Manuel in Pension …
Gerne verbrachte er immer wieder einige Tage bei seinen Freunden in München …
Highlights in seiner Pension waren sicher seine Reisen nach Vietnam – beim Schildern dieser
Reisen glänzten seine Augen …
Wie bereits bisher aufgezeigt war Manuel sehr sozial – diese soziale Einstellung lebte er in seiner
Pension in voller Blüte – auch finanzielle Beiträge und Unterstützungen waren für ihn
selbstverständlich …
So lag ihm das Wohlergehen der Evangelischen Pfarrgemeinde sehr am Herzen …
Die Pfarrsekretärin Eva unterstützte er beim Installieren der pfarrlichen EDV …
Die Renovierung des Pfarrhofs war ihm oberstes Anliegen – Gottlob gelang ihm die Fertigstellung
dieser Renovierung noch vor seinem plötzlichen Tod …
Neben dem Organisieren der Hilfskräfte und des nötigen Materials griff er auch selbst gerne
kräftig zu …
Ein „Danke“ für seinen Einsatz war ihm fast peinlich …
Auch die Unterstützung von Migranten, Familien mit Kindern, und die Integration dieser Kinder ins
örtliche Geschehen waren ihm eine Herzensangelegenheit – und gelangen ihm vorbildhaft …
Mit seiner umfangreichen und vielfältigen Auslandserfahrung konnte er sich gut in die Situation
der Geflüchteten hinein versetzen …
Manuel war zur tragenden Säule für die Kirchengemeinde geworden – mit seinem uneigennützigen
Dasein für diese – mit seinen guten Ideen, mit seiner Hilfsbereitschaft, vor allem aber mit seiner
Präsenz …
Mit seinem überraschenden Tod – er brach in der Ordination seines Hausarztes tot zusammen –
eine Folge von Corona(?) – hat Manuel für diese eine große Lücke hinterlassen …
Wie habe ich Manuel erlebt bzw. gekannt …
Manuel war ein Kollege – eigentlich aber mehr Freund …
Sowohl im Studium, als auch in der Arbeit …
Großzügig und hilfsbereit – aber auch ehrlich dankbar für jede Hilfe …
Ein netter, ruhiger, stiller, besonnener Mensch – akkurat und pflichtbewusst …
Mitfühlend, verstehend, zuhörbereit ….
Unscheinbar und doch unübersehbar …
Bescheiden – eigentlich selbstlos …
„Manuel“
„Ein letztes Glück auf!“
„Die Tiroler Heimaterde sei Dir leicht!“
Wien, Juni 2026